"Goldene Gedanken": Fußball, Flat-Design und Fankultur

06/07/2017

Was haben die Logos von Windows, MasterCard, Audi und Instagram gemeinsam? Sie alle sind dem Gestaltungstrend des „Flat Design“ gefolgt, der seit Anfang des Jahrzehnts den Minimalismus im Bereich des Corporate Design vorantreibt.

Nach zahlreichen Großkonzernen und Unternehmen folgt nun auch die Fußballwelt dem grafischen Trend: Zur neuen Saison wurde das Logo der 1. Bundesliga überarbeitet, passend dazu erhält die 2. Bundesliga erstmals ihr eigenes Signet. Beide Bildmarken verzichten auf grafische Spielereien wie Schattierungen und Verläufe, die Grundform wurde auf das Wesentliche reduziert.

Auch unsere Nachbarn in den Niederlanden gönnen sich zur neuen Saison ein Redesign. Der Entwicklungssprung im neuen Logo der Eredivisie wirkt hier sehr zeitgemäß, zumal die grafische Aufbereitung der Initiale „e“ auch einen Bogen zum immer populärer werdenden E-Sport spannen und den Fußball in der digitalen Welt widerspiegeln soll. Ein interessanter und spannender Ansatz, auf den wir jedoch an anderer Stelle eingehen wollen.

Wie viel ist zu viel?

Nicht nur die Liga-Verbände passen ihr Erscheinungsbild an, auch viele Vereine sind mittlerweile auf den Geschmack gekommen. In der kommenden Saison werden gleich drei europäische Top-Klubs mit einem entweder modifizierten oder sogar komplett neuen Vereinswappen auflaufen. Dabei verdeutlichen die unterschiedlichen Herangehensweisen nicht nur markante Unterschiede zwischen einem Fußballklub und einem Wirtschaftsunternehmen, sondern zeigen auch die mit einer Logo-Änderung verbundenen Risiken auf.

Anders als auf dem Platz oder im öffentlichen Diskurs tritt der FC Bayern München bei der Anpassung seines Wappens sehr dezent und nuancenreich auf: Eine leichte Farbanpassung, Modifizierung der Buchstaben „M“ und „C“ und eine Veränderung des Neigungswinkels der bayrischen Rauten, das war es auch schon. Kleine Optimierungen, die zwar nachvollziehbar, aber auch nicht zwingend notwendig sind – der Fan bekommt davon kaum etwas mit.

Anders sieht es da schon bei Club Atlético de Madrid aus. Zur Saison 2017/18 wurde das Vereinswappen des zehnmaligen spanischen Meisters kräftig entrümpelt: Die Schildform des Wappens wurde modifiziert und wirkt nun dynamischer, gleichzeitig wurde das charakteristische rot-weiße Streifenmuster angepasst und die Neigung der Schrägen verringert, wodurch das Wappen nun deutlich ruhiger und ästhetisch ansprechender daherkommt. Die wesentliche Änderung betrifft jedoch die Darstellung von Bär und Baum: Im bisherigen Atlético-Signet wurden beide Elemente nahezu vollständig aus dem Madrider Stadtwappen übernommen. In der neuen Version haben sie jedoch eine eigene Optik im Einklang mit dem restlichen Wappen erhalten: Die für die Vereinshistorie nicht relevante Farbgebung wurde entfernt, dafür die Symbolik von Bär und Baum deutlicher herauskristallisiert. Das Ergebnis ist eine einprägsamere weil einfachere Darstellung, deren Erscheinung nicht durch unwichtige Elemente beeinflusst oder gestört wird.

Während die Adaption der „Rojiblancos“ schon weitaus auffälliger, aus grafischer Sicht allerdings auch deutlich kraftvoller daherkommt, irritiert der italienische Rekordmeister Juventus FC mit einem kompletten Redesign seines Vereinslogos. Die Schildform sowie die Schwarz-weißen Streifen sind durch die Form des „J“ zwar noch angedeutet, ansonsten aber ist nichts mehr wiederzuerkennen. Und genau hier liegt das große Problem.

Zwar ist das neue Juventus-Wappen aus rein grafischer Sicht durchaus ansprechend, wirkungspsychologisch stellt es allerdings ein großes Wagnis dar: Kaum ein Unternehmen würde den Schritt wagen, sein komplettes visuelles Erscheinungsbild zu ändern und damit jeglichen Wiedererkennungswert über Bord zu werfen. Darüber hinaus handelt es sich bei Juventus – im Gegensatz zu den eingangs genannten Marken – eben nicht um ein „normales“ Wirtschaftsunternehmen, sondern um einen Fußballklub mit Millionen von Fans. Teile dieser Fans sehen ihren Verein als kulturelles Gut, das nicht beliebig austauschbar ist; das sich durch seine Tradition, Konstanz und eben auch Außenwirkung von anderen Vereinen abgrenzt.

Bevor man größere Überarbeitungen an einem Vereinswappen vornimmt, sollte man also versuchen, die Wirkung bei den unterschiedlichen Fantypen zu antizipieren. Dem traditionsbewussten Allesfahrer werden auch kleinere Neuerungen nicht schmecken, doch selbst bloße Vereins-Sympathisanten oder konsumorientiertes Publikum kann sich an solch gravierenden Veränderungen stoßen. Zurecht!

Doch selbst in diesem Fall hat man noch die Chance, angemessen zu reagieren, wie der VfB Stuttgart vor einigen Jahren bewies: Der Verein beugte sich der Faninitiative „Pro altes VfB-Wappen“ und machte seine 1998 vorgenommenen Logo-Änderungen wieder rückgängig.

Also, Juventus: Noch ist nichts verloren – vielleicht überdenkt Ihr eure Vorgehensweise noch einmal. Denn manchmal schlägt Tradition eben doch den Trend…

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